Mein Statement!

Vor fast einem halben Jahrtausend veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen.
Die Reformation veränderte nicht nur Kirche und Religion, sondern auch Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur sowie das soziale Miteinander. Wie wirkt sie heute auf die Gesellschaft?
Hamburger Bürger und Persönlichkeiten geben Einblicke und Ausblicke.

Mit der Zeit gehen, ohne sich anzupassen

Ein fortschrittliches Bildungswesen, staatliche Fürsorge für die Armen – das waren nur zwei Ergebnisse der neuen Kirchenordnung, die der Reformator Johannes Bugenhagen 1529 in Hamburg eingeführt hat. Auch danach hat sich unsere Kirche immer wieder gewandelt. Heute wird sie überwiegend von ehrenamtlich tätigen Männern und Frauen geleitet, die demokratisch gewählt werden. Überhaupt, die Frauen: Sie können bei uns inzwischen Pastorin und sogar Bischöfin werden. Die Gottesdienste verändern sich, sie werden bunter, musikalisch vielfältiger. Gerade erst haben wir ein neues Beiheft zum Gesangbuch bekommen mit vielen modernen Liedern. Kirche muss mit der Zeit gehen, ohne sich dem Zeitgeist anzupassen – oder um mit dem Apostel Paulus zu sprechen: „Prüft alles, und das Gute behaltet“.

Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck

Olaf Scholz, Erster Bürgermeister

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders …“

Martin Luther hat am 18. April 1521 vor dem Wormser Reichstag ein beeindruckendes Beispiel dafür gegeben, wie ein mutiger Mann seine Überzeugung auch gegen Bedrohung aufrechthält. Er hat außerdem der Überzeugung, dass ein Mensch in Glaubensfragen keine Vermittler  brauche, zu neuer Gültigkeit verholfen. Auf Martin Luther geht auch die klare Trennung zwischen Aufgaben des Staates und Aufgaben der Kirche zurück. Im Laufe der Jahrhunderte nach der Reformation hat es allerdings eine nicht immer gute Nähe zwischen staatlicher Obrigkeit und evangelisch-lutherischer Kirche gegeben. Zeitweilig war die Kirche als kritisches Gegenüber des Staates fast verstummt. Im modernen Staat erfüllen Staat und Kirche jeweils eigene Aufgaben, verstehen sich aber als Kooperationspartner. Dieses Rollenverständnis ist heute das Fundament guten Zusammenwirkens für die Bürgerinnen und Bürger.

Olaf Scholz, Erster Bürgermeister

Was mir zum Thema Reformation einfällt

„Davon ich sing´n und sagen will" – der Reformator Martin Luther dichtet so in seinem berühmten Weihnachtslied und zeigt auch damit, dass Musik für ihn ein Mittel des Heiligen Geistes war.

Der protestantische Choral ist bis auf den heutigen Tag eine feste Größe in unserem Musikschatz und das biblische Wort inspirierte immer wieder begnadete Menschen zu überwältigender Musik. Diese Musik, die mir unendlich viel bedeutet, mich glücklich, nachdenklich, fröhlich und manchmal auch traurig stimmt. Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil meines Lebens.

Michaela Kaune, Sopranistin und gebürtige Hamburgerin 

Was bedeutet für mich 500 Jahre Reformation?

Auch heute noch spiegeln zahlreiche Arbeiten zeitgenössischer Künstler die fortwährende Auseinandersetzung des Menschen mit Gott und der Welt wider. Es ist großartig, dass dies in unserer Gesellschaft ohne Restriktionen und Tabus möglich ist und auch gelebt wird. Das ist für mich letztlich auch eine „Frucht“ der Reformation. Die Reformation hat die Freiheit der Person und ihres Gewissens zum Ankerpunkt unserer Gesellschaft gemacht. Freie, emanzipierte und immer wieder kritisch hinterfragende Arbeiten der Künstler müssen von uns wach aufgenommen werden oder uns gar wachrütteln – das verstehe ich unter 500 Jahre gelebte Reformation.

Prof. Barbara Kisseler, Kultursenatorin †

Die Reformation – Ein Riss, der zu überwinden ist

Zum Glück geht der Riss nicht bis zum Grund, ist aber doch verletzend und immer neu belastend. Reformation, das heißt: Protestanten beeindrucken durch eine tiefe neue Frömmigkeit, in der Sprache des Volkes, auf dem Grund der Bibel. Katholiken haben ihre Kräfte dagegengestellt: mit feierlichen Gottesdiensten, mit starker katholischer Frömmigkeit und prachtvollen Kirchen, mit neuen Ordensgemeinschaften, die die Menschen gewinnen konnten. Aber es bleiben auch die bösen Schatten über beiden Seiten: Intoleranz und Wahn, Hexenwahn, in den unsere Vorfahren sich hineingesteigert haben. Heilung ist entscheidend auch von außen gekommen: durch Aufklärung, durch die Freiheitsidee und Toleranz. Die Kirchen haben ihre inneren Kräfte, ihre „Medikamente“, zur Heilung entdeckt: Umkehr, Verzicht auf Abgrenzung, den guten Blick auf das Gemeinsame der Christen. Der Streit des 16. Jahrhunderts muss endlich ans Ende kommen. Dazu lädt uns die Feier der Reformation ein.      

Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke

Was fällt mir ein zu Reformation?

Luther ist mit seinen Thesen und vor allem seinem Starrsinn eine interessante Person der Geschichte. Für mich als Freigeist und als jemand, der Meinung und Haltung fordert, damit auch ein Vorbild.
Interessant vor allem, mit welchen Mitteln er kommuniziert hat. Öffentlich wirksam platziert er seine Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg. Und gleich dazu noch die Veröffentlichung durch persönliche Briefe an seine Anhänger. Mehr von diesen Starrköpfen wünsche ich mir in der heutigen Zeit, mehr Meinung und – was wir nicht vergessen sollten – damit verbunden viel mehr moralische und religiöse Säulen in unserer Gesellschaft. Glauben und die Kirche sollten sich dies als Aufgabe setzen.

Thomas Holthoff, Galerist aus Hamburg

Wie hat die Reformation die Gesellschaft verändert?

Reformation ist für mich gleichbedeutend mit Aufklärung: Dinge und Ereignisse in unserer Welt mit gesundem Menschenverstand zu erleben und beurteilen. Nicht schlicht in Gut und Böse einteilen, sondern mit Güte, Toleranz und Aufgeschlossenheit. Letztendlich ist die Reformation die Loslösung vom Mittelalter und die Hinwendung zur Menschlichkeit.

Albi von Ruffer, Wavegarden Hamburg

Woran denke ich bei Reformation?

Vor allem bewundere ich Luther für seinen Mut und seine Dickköpfigkeit gegen die damaligen Zustände. Eigentlich sollte auch jeder von uns den Mut haben, seine Meinung der Menge zu äußern… Doch leider gibt es nur wenige davon. Das macht Luther so einzigartig. Dafür bewundere ich ihn.

Michel, Schüler aus Hamburg

Was kann man von Martin Luther lernen?

Die unbeirrbare Haltung und das rhetorische Geschick, mit dem Martin Luther für seine Überzeugungen vor Kaiser, Papst und Kirche eintrat, beeindrucken mich. Neben Luthers politischem Gespür bewundere ich seine Freude an Kunst und Kultur sowie sein unermüdliches Engagement  für Bildung und Erziehung.

Die Medienstadt Hamburg tut gut daran, den Reformator zu ehren, der die seinerzeit  revolutionäre Erfindung  der Buchdruckerkunst in ihrer Bedeutung erkannt und wie kaum  einer seiner Zeitgenossen genutzt hat, um  seine Ideen und Ansichten durch Flugblätter und andere Druckerzeugnisse „unter das Volk“ zu bringen.

Prof. Dr. Karin von Welck, Senatorin a. D.  und Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages

Wo weht für mich heute der Geist der Reformation in Hamburg?

Hamburger Kirchengemeinden zeigen Zivilcourage und gewähren aus christlicher Nächstenliebe heraus Flüchtlingen Asyl. Das macht mich stolz, Christ zu sein. Wenn ich vor dem Hamburger Rathaus stehe, wird mir bewusst, wie sinnvoll die Trennung von Staat und Kirche ist. Das ist ein bleibendes Verdienst der Reformation. Glaube lebt von der Vielfalt. Das kann ich in Hamburg hautnah erleben.

Pastor Dr. Günter Wasserberg, Arbeitsstelle Reformationsjubiläum 2017, Sprengel Hamburg-Lübeck

Was verbinde ich mit Reformation und mit Martin Luther?

Luther hat vorgelebt, dass es angesagt sein kann, sein eigenes Leben grundlegend zu reformieren, bevor man seine Mit- und Umwelt  verändern will. Leidvolle Selbsterkenntnisprozesse gehörten wohl ebenso dazu wie die Erkenntnis, dass es etwas Größeres gibt als das eigene Ego: eine Kraftquelle des Guten, für die ich mich in jeder Lebenslage öffnen kann, die Mut schenkt scheinbar unüberwindliche Mauern zu durchbrechen oder zu überspringen.

Cornelius Bless, Straßenphilosoph

Meine Gedanken zu Luther

Ich verbinde mit Luther u. a. die Übersetzung der neutestamentarischen Überlieferung in altdeutscher Sprache mit wundervollen Konjunktiven. Statt der aktuellen Börsennachrichten vor der Tagesschau um 20.00 Uhr sollte, meiner Meinung nach, 5 Minuten lang Matthäus 16:26 eingeblendet werden: "Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele..."

Michy Reincke, Musiker

Reformation ist zeitlos

Was hinter Luthers Reformationskonzept steht, ist meiner Meinung nach zeitlos und geht uns alle etwas an. Wie schon zur Reformationszeit im Hamburg des 16. Jahrhunderts, sind Luthers und Bugenhagens Forderungen nach einer fortwährenden Reformation heute noch immer ein brandheißes Thema. Natürlich religionsunabhängig und alle Bereiche unseres Daseins betreffend. Als frei denkende Menschen sollten wir uns und unsere Gesellschaft auch heute noch fortwährend hinterfragen, um uns von unseren Altlasten zu befreien sowie um besser und gerechter handeln zu können. Und zwar jeder für sich, als auch wir alle gemeinsam als Gesellschaft. Reformation war und ist ein wiederkehrender Meilenstein in unserer Evolution.

Alexander Kader, geb. in Hamburg, Professor für nachhaltige Architektur in Sachsen-Anhalt und Muscat/Oman

Mein Luther-Statement

Ich habe Martin Luther im katholischen Religionsunterricht kennengelernt. Er war bei uns ein relativ kurzes Kapitel im Lehrplan. Am meisten hat mir imponiert, dass Luther auch jenen Menschen, die aufgrund ihres Standes keinen Zugang zur lateinischen Sprache hatten, durch seine Bibel-Übersetzung ins Deutsche erstmals ermöglichte, selbst in den Schriften zu lesen.
 
Tentie Fukai, Ten Plates südafrikanisches Catering

Nun zu Luther

Ich muss eingangs erwähnen, dass ich Atheist bin. Ich halte die monotheistischen Religionen für die eloquentesten Leidensproduktionsstätten der Geschichte. Nun zu Luther: Der Protestantismus in seiner Lustfeindlichkeit und Prüderie ist mir noch fremder als der Katholizismus. In dem kann man wenigstens sündigen und danach sühnen, im Protestantismus bleibt nur der pure Glaube, der ja sehr wahrscheinlich ein Irrglaube ist. Auf der anderen Seite aber beneide ich die Christen immer wieder um das warme Mäntelchen ihres Glaubens. Denn bei Typen wie mir pfeift ja nur der kalte Wind der Erkenntnis um die Ecken.

Rocko Schamoni, Entertainer

Die Reformation prägt unser Leben bis heute

Das Reformationsgeschehen des 16. Jahrhunderts ist mehr als eine Glaubenshaltung und eine innerkirchliche Bewegung. Die von Wittenberg ausgehende Reformation war einer der einschneidensten Veränderungsprozesse der Neuzeit und prägt unser Leben bis heute – geistig und geistlich. Die Notwendigkeit einer erneuernden (Rück)besinnung ad fontes, auf eine ideale Lebens-, Glaubens- und Gedankenwelt ist dabei heute genauso aktuell wie vor 500 Jahren.

Dr. Alexander Steinhilber, Musikwissenschaftler und Altgermanist

Dr. Alexander Steinhilber, Musikwissenschaftler und Altgermanist

Was können wir von Martin Luther lernen:

Ich bin ein großer Fan von Traditionen. Aber „das haben wir schon immer so gemacht“ und „das haben wir noch nie so gemacht“ sind zwei Sätze, die ich als Argument für oder gegen eine Sache schwer akzeptieren kann. Luther lehrt mich, immer wieder zu fragen: Warum machen wir das so? Ist es gut? Macht es Sinn? Selbst wenn wir zu dem Schluss kommen: „ja, wir machen so weiter wie bisher“, ist das regelmäßige Hinterfragen wichtig. Das gilt für jeden Einzelnen, für Gesellschaft und für Kirche. Ich will mir ein Beispiel nehmen an Luthers Mut, auch unbequeme Fragen zu stellen, auf die es scheinbar schon eine ewige Antwort gibt.

Christian Fremy, Diakon und Radiomoderator bei N-JOY (NDR) 

Mein Statement zur Reformation

Die Reformation ist von der Bedeutung für Gesellschaft und Kultur eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte unserer Stadt. Leider ist dieses Thema in meiner Schulzeit weder im Geschichts- noch im Religionsunterricht ausreichend behandelt worden. Gerade deshalb finde ich es gut, dass durch die Lutherdekade die Bedeutung der Reformation auch ins Bewusstsein junger Menschen gelangt.

Ann-Christin Beeck, Studentin aus Hamburg

Was ich heute mit der Reformation verbinde?

Luther hat jedwede Beziehung zu Gott bzw. zu einer göttlichen Dimension privatisiert. Gläubige brauchten nicht länger den Segen oder die Gnade der Kirche, um mit Gott verbunden zu sein, sondern Gott ist für jeden jederzeit fühlbar und zugänglich.

Luther stellte den ganzen Mummenschanz des Klerus, seine Korruption und Selbstherrlichkeit schonungslos bloß und entlarvte ganz Rom als Sündenpfuhl und Lüge.

Damit hat er dem Klerus seine selbst ernannte Autorität entzogen und dem Einzelnen die Verantwortung und Verfügungsgewalt über seinen Glauben erschlossen – was für eine Befreiung des Individuums! Fortan konnte jeder selbst entscheiden, wie er seinen Glauben – insbesondere natürlich den christlichen – gestaltet.

Luther ist einer der großen spirituellen Befreier der Menschheit – auf ihrem langen Weg, friedlich und freundlich zu werden.

Thomas Eichhorn, Redakteur

Reformation – fast eine neue Zeitrechnung

Für mich ist Luthers Reformation beginnend mit dem Anschlag der Thesen an der Kirche zu Wittenberg fast der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Der nahezu anarchisch anmutende Coup lässt sich aus heutiger Sicht in Mut und Umfang nur schwer begreifen und ist doch fast 500 Jahre später so omnipräsent.

Ich frage mich oft, wo denn die stillen Helden unserer Zeit sind, aber Luther hat nachhaltig Mut und Zuversicht zur Gerechtigkeit in jedem von uns gesät. Damit wache ich gerne morgens auf  – besonders in schwierigen Zeiten.

Oliver Kunz, freischaffender Künstler (in Insolvenz),Hamburg

Luther, der engagierte Mitarbeiter

Luther war seinerzeit einfach ein sehr engagierter Mitarbeiter der christlichen Kirche, mit ein paar mutigen Ideen, wie man dem Konzern neuen Atem einhauchen und ihn von verkrusteten Strukturen befreien könnte. Leider sind wir Menschen – besonders gegenüber Visionären – ja gerne mal etwas schwer von Kapee.

Die damalige Begriffsstutzigkeit führte dann leider zu einem blutigen Glaubenskrieg und zur der Spaltung der Kirche. Tja, man steckt nicht drin. Jesus hat vor 2.000 Jahren übrigens etwas Ähnliches mit seiner Religion, dem Judentum, probiert. Und ist in seiner Glaubensgemeinschaft – ähnlich wie unser lieber Luther – auch auf taube Ohren gestoßen. Dumm gelaufen. Wer weiß, andernfalls wären wir hier jetzt vielleicht keine Protestanten, sondern Menschen jüdischen Glaubens!?

Jan Christof Scheibe / Musiker und Entertainer mit seinem Soloprogramm „Ogoddogott“ ab Herbst 2015 in Hamburg zu sehen

Was ich mit Martin Luther verbinde

Der Name Martin Luthers ist für mich immer verbunden mit dem Namen Martin Luther-King. Der eine am Ausgang des Mittelalters geboren, der andere im 20. Jahrhundert in den USA. Beide haben in den Kontroversen ihrer Zeit den aufrechten Gang geübt. Ganz bewusst hat der Menschenrechtler Martin Luther-King sich auf den Reformator bezogen im Kampf gegen die Rassentrennung und für Gleichheit und Gerechtigkeit.

Das Erbe Martin Luthers ist nicht nur Geschichte, sondern will zu jeder Zeit aktualisiert werden, so wie Martin Luther-King es getan hat. Mich ermutigt das, mich heute selbst gerade zu machen für die Rechte von Flüchtlingen.

Pastor Sieghard Wilm, St. Pauli Kirche

Was verbinde ich mit Reformation?

Reformation verbinde ich mit den Begriffen: Wahrhaftigkeit – Mut – Erneuerung. Ein Handeln und Denken, das ich gesellschaftlich – wie bei mir persönlich – oftmals vermisse und mir wünschen würde, unsere Gesellschaft wäre heute davon mehr geprägt.

Sibylle Schenk, Architektin aus Hamburg

Wo berührt uns der Geist von Luthers Reformation?

Ich glaube dort, wo wir den Mut finden, frank und frei mit dem Herzen zu denken; wo wir Sprache als Musik verstehen und mit Poesie Glaube und Vernunft versöhnen und aus der Bibel Gottes Wort heraushören; wo wir die Würde des Einzelnen höher achten als jede Institution und niemanden für unfehlbar halten – auch nicht Luther. Reformation heißt, dass wir mit Widerständigkeit, Eigensinn und Humor Gott mehr gehorchen als den Menschen; und wenn die Zeichen für morgen auf Weltuntergang stehen, pflanzen wir heute noch ein Apfelbäumchen.

Frank Engelbrecht, Pastor Hauptkirche St. Katharinen

Zur Reformation damals und jetzt

Der Herr ist der Geist, wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit (2.Kor 3:17). Luther sorgte für Aufklärung, nicht zuletzt indem er die Bibel ins deutsche übersetzte und sie damit erstmals mehr als einem kleinen Kreis seiner Mitmenschen zugänglich machte. Er wandte sich gegen eine korrupte klerikale Obrigkeit, die damals ihre Zeitgenossen mit Ablassbriefen ausplünderte.  Heute würde Luther gegen Korruption in der säkularen Politik kämpfen und die Reformation eines Staates fordern, der vorgibt besser zu wissen, was für die Menschen gut ist, als diese selbst.

J. Neidel, Arzt aus Hamburg

Reformation und Sozialstaat

In unserem Sozialstaat mit seinen zahlreichen Unterstützungsangeboten steckt jede Menge Reformation! Bis zum Vorabend der Reformation war es verbreitete Praxis, dass Menschen durch Ablasszahlungen oder bezahlte Seelenmessen sich die Güte Gottes buchstäblich zu erkaufen suchten. Als Martin Luther die biblische Botschaft neu entdeckte, dass Gottes Gnade uns allein durch den Glauben und ohne eigenes Zutun gewiss ist, hat das einen wahren Boom von sozialen Initiativen ausgelöst. Befreit von der Angst vor dem vermeintlichen Fegefeuer und allein aus individueller Freiheit heraus übernahmen viele Menschen soziale Verantwortung und unterstützten die Bedürftigen. Organisiert wurde diese Hilfe immer weniger von den kirchlichen und immer mehr von den politischen Instanzen. Das waren erste Weichenstellungen für den modernen Sozialstaat. Ganz nach der Einsicht Martin Luthers: „Es gibt keinen größeren Gottesdienst als die christliche Liebe, die den Bedürftigen hilft und dient.“

Dr. Friedemann Green, Vorsteher des Rauhen Hauses

Friedmann Green